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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Sprechautomaten ohne Zuhörer

Beitrag vom 1 November 2020

Das Sprachgendern wird durchgesetzt – und sein Ziel verfehlen. Dabei gäbe es eine einfache Lösung, aber frau wird sie kaum mögen. Oder doch?

Hinter allem kann sich ein Geschlecht verbergen (Bild Fotolia)

Shakespeares König Richard der Dritte nennt sich „lahm und verkrüppelt“, auf der Bühne sieht man ihn hinken. Für die Anmutung genüge es jedoch, notierte Max Frisch, wenn der Mime das Bein nur dann und wann nachzieht. Tut er das bei jedem Schritt, wird das Hinken zum Gekasper. Es lenkt ab von Richards mörderischen Treiben.

Die Wahrheit solle man „dem anderen wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann – nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen“, empfahl Frisch. So auch beim Umgang mit der Sprache. Man muss kein Sohn einer alleinerziehenden Selbständigen in den Fünfzigern gewesen sein, um der Sache der Frauen Erfolg zu wünschen, aber bitte greifbaren Erfolg: die Gleichwertigkeit der Geschlechter im Alltag. Dagegen spielen die grammatischen Geschlechter (der/die/das) nur die Rolle, die man ihnen beimisst. Das aber geschieht meistens falsch, zu häufig und ohne Rücksicht auf die Folgen.

Gutmeinende, wenn sie in Scharen vorkommen, haben unweigerlich etwas Peinliches. Wo Ausländer zu „Einwohnenden ohne deutsche Staatsbürgerschaft“ werden, machen nur Pedanten mit. Gewonnen werden mit all den belehrenden Floskeln nur die bereits Überzeugten, und die wollen dauernd darüber reden. Wie einer, der nicht mehr raucht. Langweilig. Die anderen – die Mehrheit der Erwachsenen, auch der Grünen – lehnen das Sprachgendern ab: Sie finden es übertrieben. Mehr als Lippenbekenntnisse leistet der Volksmund nicht. Das – nur scheinbar männliche – „Gegenüber“ soll nun durch die „Gegenüberin“ ergänzt werden. Da feixt der Fan, fehlt nur noch die „Fäninn“.

Will man bei dieser wesentlichen Sache so ungerecht verspottet werden? Nützt es den Frauen, wenn Wörter wichtiger erscheinen als Wege zu gleichen Chancen, gleicher Bezahlung? Wenn sogar Genderbewegte die Silben verschleifen: „Wie sollen das die Kollehn und Kollehn einsehen?“ Wenn die „Ärzte und Ärztinnen“ sowie die „Patientinnen und Patienten“ in einem Atemzug gleich dreimal beschworen werden, generiert das Groll, aber keine Bereitschaft, vielleicht doch noch bekehrt zu werden.

Wer plappert wie ein Sprechautomat, verliert seine Zuhörer. Die Leute lassen sich das Maul nicht verbieten, und wenn doch, verlegen sie ihren Widerstand in den Untergrund. Dabei täte es allen gut, nicht nur bei der Geschlechtergerechtigkeit, wenn wir sensibel, wenn wir taktvoll mit der Sprache umgingen. Zum „Zuhören statt Schreien“ ermuntert Svenja Flaßpöhler. Sie erinnerte kürzlich in Hart aber fair daran: In der DDR waren die Dreher Frauen wie Männer, das konnte jeder sehen, mithin war das Wort „Dreherin“ überflüssig.

Sprachlich gibt es keinen stärkeren Beweis der Gleichwertigkeit als Frauen, die das generische Maskulinum ganz selbstverständlich als ihres beanspruchen und besetzen. Keine Alphamänner haben es erfunden, sondern es wurde im Volksmund herausgebildet – dann von Linguisten dummerweise als „Geschlecht“ bezeichnet. Es gehört allen, es bezeichnet alle. Unterdessen rücken Frauen endlich in Stellen und Funktionen, die ihnen verschlossen blieben. In Funktionen, nicht in Wortkonstrukte. Auch die Macho-Riegen in den Vorständen werden noch begreifen, was sie versäumen: Frauen auf sämtlichen Managementebenen. Mit ihnen läuft es besser, mal einen Blick auf Norwegen riskieren.

Derweil borgen wir die Lösung unseres Genderproblems bei den Briten: Der Chef war „Mrs Prime Minister Margaret Thatcher“; dem entspricht bei uns „Frau Bundeskanzler Angela Merkel“. Das ist so einfach, es ist genial, nicht wahr Frau Verfassungsrichter, Frau Abteilungsleiter? Sollte jedoch feststehen, dass Frauen, weil sie die besseren Menschen seien, über der Grammatik stehen, dann legen wir alten, weißen Männer („Behinderte“) die Füße hoch: Freuen wir uns, dass wir so einer Erwartungshaltung nicht entsprechen müssen.


Dieser Beitrag erscheint im Herbst 2020 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (3/2020).

Oliver Baer @ 18:37
Rubrik: Gesellschaft
Was man so sagt

Beitrag vom 1 November 2020

„Das wird man doch noch sagen dürfen!“ Kaum gehört, schon knallen die Jalousien herunter. Was sich wie Sprache anhört, ist Getöse; was fehlt, ist das Gespräch, die Erörterung, worum es in Wirklichkeit gehen könnte.

Kaffee? Noch dazu schwarz? (Bild Fotolia)

Als diese Worte zum ersten Mal geäußert werden, gibt es bereits eine Vorgeschichte. Da hat ein Bürger – nennen wir ihn den Busfahrer Otto – etwas gesagt, worauf einer Lehrerin namens Karla nachhaltig heiß um den Kragen wurde. Vielleicht hat sie nicht zugehört, nicht richtig hingehört, was dieser Mann eigentlich ausdrücken möchte, sie hat ihn bloßgestellt, abgebügelt, die Nase gerümpft. Zum Beispiel könnte der Buskraftfahrer ja gemeint haben: „Aus unseren harmlosen Kirchen treten wir aus, zugleich lassen wir einen radikalen Islam ins Land.“ Gesagt hat er das allerdings nicht, es hörte sich eher so an: „Raus mit den Flüchtlingen!“ Kein Wunder, dass er nicht verstanden wird, denn seine Worte klingen wie Knüppel auf Schädel. Kein Wunder auch, dass an dem folgenden Zerwürfnis die gut gesinnte Lehrerin genauso schuld ist, denn sie ist die Klügere, jedenfalls glaubt sie das, weil sie mehr Bildung mitbringt. Schon stößt Gesinnung auf Gesinnung, und wo solche tobt, wächst kein Kraut.

Zur Erinnerung: Sprache kann zunächst dem Versuch dienen, ein Problem zu beschreiben: „Hör mal, mir geht da was durch den Kopf, das kapier ich nicht.“ Das wäre ein Einstieg, die Chancen auf gemeinsame Problemlösung stünden gut. Leider beginnt ein Streit selten so, sondern mit dem Schwung einer Wortkeule. Dennoch könnte man, bevor die Läden zuklappen, versuchen zuzuhören, auch wenn es schwer fällt. Als erstes müsste man diesen Busfahrer beim Wort nehmen, und wenn das nichts Gedeihliches ergibt, müsste man sich, oder am besten Otto fragen: „Was genau meinst du eigentlich?“ Gewalt ist nämlich auch (Vorsicht, hier wird aufgeklärt!), wenn die Lehrerin Karla gar nicht erst versucht zu verstehen, was der Busfahrer sagen möchte, aber irgendwie nicht kann, schon gar nicht, wenn er schon anderswo abgebügelt wurde. Nun aber schreit er: „Das wird man doch noch sagen dürfen!“, und wenn die Lehrerin nicht völlig verbohrt ist, kann sie ihm auch ein bisschen Recht geben. So ganz grundlos hat er das nicht gesagt.

Was in dem Universum progressiver Lehrerinnen verpönt ist, muss ein konservativer Otto meinen dürfen, ohne dass er vom Kindergeburtstag ausgeladen wird. Die Nase rümpfen heißt: „Das muss ich mir nicht anhören“, womöglich gefolgt von: „Du bist ein ***, mit dir rede ich nicht.“ Da aber kämpft Kitsch gegen Kitsch, mit anderen Worten: Es wird versagt, das Gespräch wird versäumt, stattdessen wird gepöbelt und zurück gepöbelt, da könnten schlichte Gemüter zuschlagen, weil sie verbal die Schwächeren sind. Oder sie schließen sich anderen an, die sich zu wehren wissen.

„Das wird man doch noch sagen dürfen!“ ist ein Signal, das unter vernünftigen Menschen nicht zum Ende, sondern zum Beginn von Dialogen führt. Sonst werden wir in dieser ohnehin angespannten Zeit erleben, dass immer öfter Prügel die Sprache ersetzen, und Verursacher sind dann nicht nur die Ottos, sondern auch die Sprachkundigen, die Gebildeten, die Karlas, die sich zur Elite zählen, die vom Klang ihrer eigenen Worte so begeistert sind, dass sie nicht hören, wie ihre Worte bei den Ottos ankommen. Wir Elitären könnten dazulernen. „Das wird man doch noch sagen dürfen!“ muss man sagen dürfen.

© Oliver Baer


Dieser Beitrag wurde im Frühjahr 2020 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (2/2020) veröffentlicht.

Oliver Baer @ 18:35
Rubrik: Gesellschaft
Sprich ruhig weiter

Beitrag vom 1 November 2020

Still, nicht lautlos, weicht das Abendrot, weit weg tost der Alltag, und nahe liegt der Wunsch nach Ruhe, wenigstens dann und wann, anstelle des stets aufgeregten viralen Rauschens in den Medien.

Das Volk beim Ausdenken angemessener Zusatzfragen (Bild Behland)

Warum, so fragt sich der Besonnene, warum das Zetern und Schreien, als ständen die Leute allesamt auf einer Brücke über die Autobahn? Wo gibt es noch das Gespräch unter gleichgestimmten Menschen verschiedener Meinung? Glauben bald alle, zur Geltung käme nur, wer lauter daher kommt als die Lauten? Die Geplagten, selber nicht schweigend unterwegs, winken derweil ab: „Sprich ruhig weiter, ich hör sowieso nicht zu!“

Wenn wir wollen, verstehen wir alles, sogar die Regel des passiven Abseits. Unter einer Bedingung: Unser Wille steht im Dienst des Zuhörens. Denn selber reden kann jeder, schwierig ist das Zuhören. Das muss man wollen. In den Medien, zumal den neuen, wird viel Fragwürdiges geredet und unermüdlich nachgeplappert: Da sollen wir auch noch zuhören?

Wir haben ein Problem: Wenn wir aufhören, einander verstehen zu wollen, brauchen wir kein Twitter oder Instagram, sondern Knüppel. Für alle, nicht für die Vernünftigen, die wandern aus nach Island. Halten wir fest, für die Hiergebliebenen: Man kann es lernen, das Zuhören, und der Kniff, es zu können, sieht einfach aus.

Zuvor gilt es eine Hürde zu nehmen: Wir müssen als Leser oder Hörer nicht auf alle neuen Wörter abfahren, nicht einmal die so glatt gelutschten. Aus dem Brexit wird hübsch englisch der Exit hergeleitet, gemeint ist die Abkehr von den Kontaktblockaden. Exit wohin, dürfen wir getrost fragen: nach getaner Heldentat reitend in das Abendrot? Passte „Aufbruch“ nicht besser, vielleicht „Wiederkehr“, oder „Neubeginn“, statt Exit = Schluss, Ausgang, Ende, Klappe zu? Wie wär’s mit ein bisschen Vordenken, nämlich vor dem Reden?

Nicht die Antworten zählen, spannend sind die Fragen, aus ihnen entsteht Neues. Wer nur nach Antworten sucht, ist zum Austausch unfähig, der lernt nichts dazu. Lernen gelingt dem, der nicht müde wird, eine platte durch eine klügere Frage zu ersetzen, und wer das schafft, nähert sich dem Ideal des Gespräches: Wir tauschen unsere Meinungen aus; du verteidigst meine und ich deine. Denn oft liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen, nicht im Geknüppel. So tun, als ob er zuhöre, kann jeder. Und zugleich das nächste Argument zum Schuss freigeben, sobald dem anderen die Luft ausgeht. Kann man machen, das ist Kampf, keine Kommunikation.
Wie nun bringen wir den Willen zum Zuhören auf? Das Geheimnis dürfte in der Neugier liegen. Will ich wahrhaftig Neues in meiner Erfahrung zulassen, also dazulernen, dann bin ich neugierig, dann höre ich zu, wie von alleine. Dazu gehören immer mindestens Zwei.

Wer gerade zuhört, bietet seine Neugier an, und wer spricht, bringt die Sprache mit. Jene Sprache, die ein Bemühen erkennen lässt: Es geht darum, verstanden zu werden. Allem Anfang liegt ein Zauber inne. Bevor Dr. Pfitzmann den Unterricht begann, stellte er Ruhe im Raum her, indem er leise sprach und, immer leiser werdend, das Gezwitscher der Schüler überwand. Heilsame Lehrstille füllte das Physiklabor. Wer etwas lernen wollte, wurde beschenkt.


Dieser Beitrag wurde im Winter 2019/2020 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (1/2020) veröffentlicht, und hier im Blog der baerentatze umständehalber erst heute.

Oliver Baer @ 18:32
Rubrik: Gesellschaft
Worte an der Wäscheleine

Beitrag vom 1 November 2020

Wörter bestehen aus Buchstaben, Worte aus Gedanken. Wahlprogramme schneiden schlecht ab, wenn man sie auf ihre Verständlichkeit abklopft. Peinlich ist ihre Nachbarschaft zu Antwortschreiben auf Bauanträge, Doktorarbeiten von Politologen, Geschäftsbedingungen der Banken und dem Berliner Koalitionsvertrag. Das folgt aus einer Studie an der Universität Hohenheim, wo seit über zehn Jahren deutschsprachige Wahlprogramme auf Verständlichkeit überprüft werden.

Wählerpotenzial unterwegs: von rechts nach links! (Bild Fotolia)

„Omi, ist das Ding eingeschaltet?“ Der Poweronpoweroffknopf steht für An/Aus, das erklären uns die Enkel. Wenn uns das mentale Wörterbuch nicht verlassen hat, steht power für Macht: Ein Knopfdruck, und zu deiner Verfügung steht Macht. Meinen das die Grünen, wenn sie Leute empowern wollen? Enthalten sind solche Sprachhülsen im Hamburger Wahlprogramm, mit dem die Grünen bei der Bürgerschaftswahl so furiose Zugewinne erzielt haben. Die anderen Parteien sind nicht besser, die Sozialdemokraten protzen mit der Klimaroadshow und wollen das – vermutlich verpennte – Hamburg zur Active City machen. Übertroffen werden sie nur von der FDP, die sich mit Educational Data Mining und Cops4you anbiedert. Da kotzt der Mops und dem Wähler stehen die Haare zu Berge.

Wenn die Wahlprogramme denn gelesen würden! Wenn sie es denn Wert wären gelesen zu werden! Auf der bewährten Hohenheimer-Skala von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich) werden die Hamburger Programme mit kargen 7,8 Punkten benotet. Gewählt wird in Wirklichkeit, wer glaubwürdig erscheint. Von Programmen überzeugt wird nur, wer bereits überzeugt ist. Insofern erübrigen sich solche Papiere. Die Not der Parteien ist aber zu verstehen, denn das vertraute Links-Rechts-Schema der Politik ist zur Beschreibung der Wirklichkeit kaum noch zu gebrauchen. Klammert man die politischen Positionen wie wollene Wäsche auf eine Leine, bleibt zwischen links- und rechtsaußen vieles, was den Bürgern wichtig ist, falsch plaziert, egal wo man die Klammer ansetzt.

Nennt ein Grüner seinen Protest gegen rechtsaußen verkürzt „gegen rechts“, so missbraucht er die Sprache, denn wer sich um den Schutz der Umwelt bemüht, ist im wahren Sinne des Wortes ein Konservativer, an der Wäscheleine hängt sein Streben demnach rechts der Mitte. Woran liegt es? So eine Leine zwischen zwei Pfosten ist eine eindimensionale Wiedergabe der Wirklichkeit. Die Leine gibt die Wirklichkeit nur dürftig wieder. Das war immer so, nun aber wird es dringend, für die Wirklichkeit die passende Sprache zu finden. Die alte Leine wird quer von einer anderen gekreuzt, sie spannt von den weltbürgerlichen Gewinnern der Globalisierung bis zu den in trauter Gemeinschaft Beheimateten, welche die Globalisierung als Bedrohung erfahren. Links und Rechts sind derart verwirbelt, dass sich die alten Parteilinien darin verheddern.

Gewählt wird, wer anscheinend, oder auch nur scheinbar glaubwürdig dasteht. Da bleibt dem Wähler nichts übrig als genau hinzuhören und mit Verstand zu prüfen, was ihm vorgeschlagen oder auch nur vorgemacht wird. Verstand, Verständlichkeit? Je mehr Übung im Umgang mit der Sprache, desto weniger lässt sich der Wähler an der Nase herumführen. Power steht auch für Energie. Die muss zum Gebrauch des Gripses jeder selbst aufbringen, sonst hauen wir einander nicht nur Wörter, schwer verzeihliche Pöbeleien, sondern auch Gegenstände um die Ohren. Das muss nicht sein, ein bisschen Sprachgefühl ist ganz nützlich.


Dieser Beitrag wurde im Frühjahr 2020 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (1/2020) veröffentlicht, und hier im Blog der baerentatze umständehalber erst heute.

Oliver Baer @ 18:29
Rubrik: Gesellschaft
Ein Lob auf die Briefmarke

Beitrag vom 1 November 2020

In der guten alten Zeit, sagen wir vor über 100 Jahren, haben wir unsere Liebe noch handschriftlich zu erklären versucht. Wir haben das Papier in einen Umschlag gefaltet, mit zitternder Hand die Anschrift angebracht, eine Marke draufgeklebt und sind damit zu einem gelben Postkasten gepilgert. Wir haben auf Antwort gehofft und oft auch erhalten. Korrespondenz machte Mühe, die gaben wir uns, nicht immer mit Erfolg, aber in aller Regel mit einem gewissen Anstand.

Energie für nützliche Dinge bewahren (Bild Behland)

Digital geht das praktischer. Für Zuneigung, Verliebtheit und Liebe genügt ein Smiley-Herz, und „Mit uns beiden ist es aus!“ lässt sich mit einem kalten Klick erklären. Heute können wir schmähen, verbal vergewaltigen, zum Mord oder auch gleich zur Ausrottung ganzer Gruppen aufrufen, und eine Antwort erübrigt sich, sie interessiert nicht. Wir pöbeln in der Gesellschaft Gleichgesinnter, notfalls aus dem sicheren Versteck einer nicht auffindbaren IT-Adresse. Hauptsache, wir haben unserem Herzen Luft gemacht.

So weit, so ungut. Nun aber sieht es so aus, als regte sich hier und da ein Gewissen. Hat es je eine Zeit gegeben, als die Sprache so oft zur Sprache kam, zumal unter Politikern, die schon selber nicht zögern zu pöbeln? Es mehren sich die Aufrufe zum zivilen Umgang miteinander. Glücklicher sind wir mit dem Schleifen der sprachlichen Hemmschwellen nämlich nicht geworden, und die Gesellschaft, in der wir leben, ob wir es wollen oder nicht, sortiert sich neuerdings neu: Die einst sichere Mitte, wo liegt sie, an welchen Parolen erkennt sie einander? Welche Ausdrucksweise passt angesichts der Pöbelei der Einen und der Scheinheiligkeit der Anderen?

Hier bietet sich eine rare Gelegenheit zur Besinnung. Zur Erkenntnis, wie wir einander mit Sprache radikalisieren – oder einander wieder näherkommen. Sicher wäre es zuviel verlangt, dass jeder von jetzt auf gleich die richtigen Worte finde. Aber wie wäre es mit einem Kniff? Spätestens vor dem flotten Klick auf Senden erinnern wir uns an den alten russischen Brauch: Vor Antritt der Reise eine Minute auf den Koffern sitzen, einen letzten Augenblick der Ruhe vor der nahen Hektik verbringen.

So dumm wie ein Spiegel

Demnach verharre ich einen Augenblick und stelle mir vor, ich würde, was ich zu sagen habe, mit einer Füllfeder auf ein Blatt Papier schreiben, auf ein farbiges, vielleicht ein handgeschöpftes Papier. Schon bei der Anrede hätte ich abzuwägen, was ich bezwecke. Sicher würde ich hier und da zögern, etwas durchstreichen, mich gewählter ausdrücken, eine Frechheit ungesagt lassen, auch wieder von vorne anfangen, das Geschriebene in den Papierkorb werfen. Bis es zum Aufkleben der – imaginären – Briefmarke kommt, würde ich auch mal darüber schlafen, so mancher Brief würde gar nicht erst versandt, und wenn doch, dann mit Wirkung, weil besser überlegt.

Zu üppig dieser Kniff, wer gäbe sich schon diese Mühe? Mag sein, aber realistischer wäre der Kniff als die Abschaffung des Internets – die anderswo schon erwogen wird – oder der Impuls, den digitalen „sozialen“ Medien den Strom für die Server abzuschalten. Das wird nicht geschehen. Aber machen wir uns nichts vor. Die Sprache des Netzes entwickelt sich nicht, sie wird von uns entwickelt. Das Internet ist so dumm wie ein Spiegel, und der zeigt die Gesellschaft, wie sie ist. Etwas anderes kann das Netz nicht. Es wird Zeit, dass wir dem Netz etwas Intelligenteres abzubilden geben als scheinheiliges Gutsein und pöbelhaftes Besserwissen. Dazu müssen wir bei uns selbst anfangen, und unser Zeichen sei die Briefmarke – in den Köpfen.


Dieser Beitrag wurde im Winter 2019 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (4/2019) veröffentlicht, und hier im Blog der baerentatze umständehalber erst heute.

Oliver Baer @ 18:25
Rubrik: Gesellschaft
Die Bürger leben von ziviler Sprache

Beitrag vom 1 November 2020

Je nach Milieu, in dem wir uns bewegen, gilt als geklärt, was beispielsweise unter Frauenfeindlichkeit zu verstehen sei, sowie unter Rassismus, Populismus, Meinungsterror, Bevormundung und einigem mehr. Mit Lautstärke und durch ständiges Wiederholen sollen Wörter final mit einer Bedeutung besetzt werden, die vor allem einem dient – dem verbalen Nahkampf. So bedeutet neuerdings das Wort „rechts“ dasselbe wie „rechtsextrem“. Als könnten wir auf die Unterscheidung verzichten…

Das hat der deutsche Hund zu unterlassen (Bild Behland)

In den Medien, zumal in den sozialen Netzwerken, in der Kloake des Internets, gleichen die gängigen Kampfbegriffe einem Linolschnitt. Das Bild schwarz-weiß, die Farben muss sich jeder dazu denken. Wenn er denn will. Soll er aber nicht, denn er bleibt seinem Milieu treu. Abweichungen von der Milieumeinung werden mit Ausgrenzung bestraft. Schade, eine nuancierte Wahrnehmung, schon gar wenn man sie sprachlich ausdrückt, ist unerträglich für Leute, die ein leises Abwägen und eine taktvolle Sprache verachten – oder selber nicht beherrschen.

Nun ist freies Denken kein Problem für Leute, die noch den Schmerz beim Anfertigen eigener Gedanken erleben. Aber die meisten denken nicht. Sie wiederholen, was schon andere vor ihnen – auch schon nicht selber gedacht, sondern irgendwo abgeschrieben haben. Wiederkäuen ist aber kein Denken. Wer seine Sprache mit Blähwörtern und Kampfparolen verkleistert, verliert das Geschick, Meinung von Beobachtung zu unterscheiden. Klares Denken, so viel ist bewiesen, gelingt mit gepflegter Sprache am besten. Kein Wunder, dass Sprachbesorgte und Sprachliebhaber im Verein Deutsche Sprache zusammenkommen, nicht immer friedlich, oft leidenschaftlich, mitunter zornig.

Fragen wir uns selbst: Wenn wir jede Beobachtung, die uns nicht passt, als Meinung abtun, statt hinzuhören, ob vielleicht doch eine bisher unbeachtete Tatsache unser Weltbild durchrütteln könnte, ähneln wir dann nicht Donald Trump? Und gilt nicht das Gleiche, wenn wir eine Meinung als populistisch abtun, als sei sie gar nicht erst der Rede wert? Derlei Tricks aus unteren Schubladen sollten unter unserem Niveau liegen. Bequem sind sie nur für Leute, die das Denken ihrem Schlaufon überlassen. Aber selbst diese könnten es mal versuchen, den eigenen Grips wiederzubeleben.

Zwischen der taktlosen Entgleisung eines Clemens Tönnies und der Mail an eine Kitaleiterin: „Ich bringe dich um!“ findet sich viel Spielraum. Wenn wir versäumen, diesen Spielraum mit offener Verständigung zu füllen, brauchen wir uns über den Drang zu unappetitlichen oder gar gewaltbereiten Gruppierungen nicht zu beschweren. Zählen nicht zu den Verursachern des Rechtsrucks die von der Rechtschaffenheit ihrer Sprache begeisterten Blasierten? Und haben vielleicht die nicht minder blasierten Polemiker auf der Rechten das brutal missionarische Auftreten der Linken zu verantworten? Folgt nicht auf jede Aktion eine Reaktion? Müssten wir uns nicht vorsichtiger ausdrücken?

Stattdessen vergreift man sich schon mal im Ton, links wie rechts – immer öfter auch in der Mitte, die den Missbrauch der Sprache besonders schmerzvoll erlebt. Dennoch, damit muss leben können, wer noch zum Gedeihen einer Zivilgesellschaft beitragen möchte. Sprache ist mehr als ein Bolzplatz für Linguisten und Feministen, für Gutmenschen und Betonköpfe, für Klimaleugner und Klimabetroffene, für Politiker und ihre – nicht ganz so dummen – Wähler. Da tut ein Verein gut, der verhindern will, dass Muttersprachen auf Kreolniveau absacken. Auf ein Niveau, wo keiner mehr merkt, wie er hinters Licht geführt wird, weil er mit der Muttersprache sein Denkvermögen entsorgt. Die Gesellschaft der Bürger, die Zivilgesellschaft, lebt von dem Bemühen um zivile Sprache, und in dieser sind rechts und rechtsaußen nicht dasselbe.


Dieser Beitrag wurde im Herbst 2019 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (3/2019) veröffentlicht, und hier im Blog der baerentatze umständehalber erst heute.

Oliver Baer @ 18:23
Rubrik: Gesellschaft
Die Landessprache … das Thema bleibt

Beitrag vom 1 November 2020

Die Landessprache gehört in die Verfassung, wie in fast allen Staaten Europas, das forderte der Verein Deutsche Sprache schon 2005, bevor das Thema zum Spielball auf Parteitagen wurde, und dreizehn (!) Jahre bevor ein Antrag ähnlichen Inhalts im Bundestag ausgebuht wurde, weil ihn die AfD vorgelegt hatte.

Immerhin bot dieser Antrag sämtlichen Parteien erneute Gelegenheit, sich zu blamieren, und das ist sinnbildlich für ein Land, wo Freiluftfernsehen mit Leichenbeschau (public viewing) verwechselt wird. Englisch nicht können, aber Deutsch verachten – das muss man erst einmal fertigbringen.

Trittbrettfahrer – erste Reihe reserviert für die AfD (Bild Behland)

Der Verein Deutsche Sprache (VDS) sollte seine Formulierung durch einen Zusatz ergänzen, besser spät als nie: „Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch. Die herkömmlichen Rechte der regionalen Minderheitensprachen bleiben unberührt.“

Hier ein paar sinnige Gründe, weshalb das auch die Grünen und die Linken im Parlament zur Kenntnis nehmen mögen:

➜ Deutsch wird an unseren Hochschulen durch Stummelenglisch ersetzt. Akademische Exzellenz kommt ohne Sprachbeherrschung aber nur ausnahmsweise zustande; Wissenschaft in schlechtem Englisch führt direkt in die Zweite Liga von Forschung und Lehre.

➜ Konzerne und manche Mittelstandsbetriebe führen als Haussprache ein aalglattes Schleierenglisch ein. So lange es blendet, schmückt es den Sprecher und hilft ihm den Inhalt seiner Rede zu vernebeln, während die wirklichen Fachleute in meetings lieber den Mund halten, als sich in einer fremden Sprache bloßzustellen. Made in Germany verliert seine Glaubwürdigkeit.

➜ Verbraucher erhalten oft keine brauchbaren Informationen in der Landessprache. Der aus der Werbung sattsam bekannte Sprachmischmasch (Denglisch) sickert in Handbücher und Bedienungsanleitungen ein, ohne Rücksicht auf Klarheit und Richtigkeit. Oft bedarf es einer überlegenen Englischkenntnis um zu erraten, was die Autoren ursprünglich gemeint haben mochten.

➜ In den Institutionen der Europäischen Union spielt die – in der EU meistverbreitete – Muttersprache keine nennenswerte Rolle mehr. Mit teuren Folgen für Bürger, die mit ihren Anliegen, und Unternehmen, die bei Ausschreibungen benachteiligt werden.

Deutsch im Grundgesetz würde dazu führen, dass die Hochschulen zuerst die Muttersprache der Bürger und Steuerzahler verwenden müssen, bevor sie sich auf Englisch – übrigens: warum nicht Mandarin? – einlassen. Die Unternehmen könnten sich auf die Vorzüge einer weniger fehlerhaften Kommunikation besinnen (nebenbei sei es erwähnt: Gutes Deutsch ist die erste Voraussetzung für den Erwerb der englischen Sprache, oder der chinesischen). Die Bürger einschließlich der Zugewanderten würden veranlasst, gemeinsam ihr Medium der Verständigung, die Landessprache, zu pflegen, statt dem grotesken Glauben anzuhängen, dass Englisch eine praxistaugliche Amtssprache für Deutschland wäre.

In der Vielfalt der Muttersprachen liegt Europas wahre Stärke, dazu darf und muss die deutsche Sprache beitragen. „Deutsch ins Grundgesetz!“ bleibt ein Thema, egal wer auf das Trittbrett springt, um es für seine ideologischen Zwecke zu gebrauchen – oder zu verbiegen. Bei der AfD ist das Thema jedenfalls nicht gut aufgehoben. Nicht zu verstehen ist nur, weshalb die anderen Parteien die deutsche Sprache der AfD überlassen, so als ginge das Thema die Bürgerlichen, die Progressiven, die Liberalen und die Linken nichts an.


Dieser Beitrag wurde im Herbst 2018 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (3/2018) veröffentlicht, und hier im Blog der baerentatze umständehalber erst heute.

Oliver Baer @ 18:18
Rubrik: Gesellschaft
Junge Leute sind die unter 55

Beitrag vom 1 November 2020

Begegnung mit einem leicht verärgerten, älteren Herrn

Gendermäßig total neutral aufgestellt (Bild Behland)

Gegen junge Leute habe ich nichts, wirklich nichts. Aber wie Sie mich hier sehen, bin ich ein Oldtimer. Kein altes Auto. Ein alter Mann, und ich kann Englisch. Deshalb nerven mich viele der Anglizismen, und gegenderte Sprache geht mir auf den Keks. Dieses vorweg geschickt, verrate ich Ihnen was zur Alterspyramide des Vereins Deutsche Sprache. In einem Verein, wo die „unter 55“ als junge Leute gelten, haben die Alten ein Rad ab.

Die reden, der Verein solle im Internet um die Jungen werben, dafür müsse man eben Geld in die Hand nehmen. Zum Ausgeben vermutlich. Nicht zum Ausdemfensterwerfen, sag ich mal. Keine Ahnung haben die. Egal wie viel Kohle für die Werbung verbrannt wird: Wenn die heiß Umworbenen kein zweites Mal zur Regionalversammlung antreten, war alle Werbung für die Katz.

Na klar doch, die Jungen bleiben nicht bei der Stange. Da habe ich meine Enkelin angeworben, hab sie zu einem dieser sprachwahrenden Stammtische gelockt, und was passiert? Sie sagt was ganz Böses, nämlich „E-Mail“, und schon zischen die Oldtimer: „Hier wird Deutsch gesprochen, merken Sie sich das!“ Das Mädel steht gleich zweimal mit dem Rücken zur Wand: das erste und das letzte Mal! Nichts gegen Altersstarrsinn, den habe ich auch, aber die Kleine kommt nie wieder, können Sie vergessen! Oder hier, der Junge von nebenan, ist an der Uni. Wenn der seine Arbeit nicht gegendert schreibt, kriegt er eine Note tiefer verpasst. Das haben die ihm klargemacht.

Was ich damit sagen will? Das sage ich Ihnen: Die jungen Leute wachsen in einer Welt auf, da wurden die Studenten von Studierenden abgelöst, denen ist der Unterschied schon längst egal; sie schreiben E-Mails, und bevor sie ihre Laufbahn aufs Spiel setzen, schreiben sie die Bachelor-Arbeit geschlechtsneutral. Ganz normale Alltagsschikane, was denn sonst! Was der Junge nebenan nicht braucht, sind Greise wie mich, die beim Pöbeln gegen das Gendern nichts riskieren.

Was ich damit sagen will? Dass wir ausnahmsweise mal mitdenken müssen. Als erstes sollte in unsere Köpfe: Die jungen Leute finden uns so prickelnd wie eine rote Ampel. Und wenn die noch dazwischen quatscht oder gar mit dem Kopf wackelt, weil jemand „E-Mail“ oder meinetwegen „E-Mailin“ sagt; da soll mal keiner glauben, in einem Verein voller Ampelmännchen würden sich die jungen Leute wohlfühlen.

Ich sag Ihnen, das können Sie auch mitschreiben: Wir übrig gebliebenen Alten verschrecken die Jungen. Selber schuld. Aber vielleicht fällt Ihnen ja was ein.

Aufgezeichnet von Oliver Baer (die Quelle, der alte Mann, möchte anonym bleiben)

Oliver Baer @ 18:09
Rubrik: Gesellschaft
Wer schreibt, der bleibt

Beitrag vom 1 November 2020

Das Vereinigte Königreich verlässt die Europäische Union. Darüber wollen wir hier nicht streiten. Übrig bleibt jedenfalls eine EU mit Sprachfehler.

Auf dem Kontinent die letzte Zuflucht der englischen Sprache (Bild Behland)

In keinem ihrer Mitgliedsländer gilt die englische als erste Amtssprache, nicht einmal in Irland mit 4,7 Millionen und in Malta mit 400.000 Einwohnern. Dagegen gilt Tschechisch als Amtssprache für 10,5 Millionen Bürger im Herzen Europas; Tschechisch hätte demnach einen doppelt so hohen Anspruch, neben Französisch und Deutsch zur dritten Arbeitssprache der Union aufzurücken. Dazu wird es nicht kommen, Englisch wird den Brüsseler Institutionen erhalten bleiben.

Dafür sprechen mehrere Gründe, nur kein vernünftiger, während zwei Überlegungen dagegen stehen. Erstens ist das Brüsseler Euroenglisch so etwas wie ein Soziolekt, es wird verstanden von Menschen eines bestimmten Milieus – mit einem gemeinsamen technokratisch-politischen Stallgeruch – sowie von Engländern, die sich mehr oder minder denken können, was mit dem Brüsseler Geschwurbel gemeint sein könnte. Nicht zu vergessen sind ferner die Dolmetscher und Übersetzer, die den Eurojargon verarbeiten müssen.

Zweitens gelingt den Sprechern dieses Spezialenglisch ein uralter Trick zur Manipulation von Verhandlungen: Wer schreibt, der bleibt. In welcher Sprache werden die Ideen, die Pläne, die Tischvorlagen, die Widersprüche und Entscheidungspapiere formuliert? In dem Brüsseler Euroenglisch, welches generell mit gutem Englisch verwechselt wird. Briten wissen am besten, wie sie die gängigen Sprachhülsen so verknüpfen, dass am Ende am besten durchblickt, wer schon ein überlegenes Englisch mitbringt. Das wiederum sind die gut geschulten Juristen aus dem United Kingdom, sowie je eine Handvoll aus Stockholm, Frankfurt und Amsterdam. Dieser Umstand wird weitgehend ignoriert, und zwar von allen, außer den Briten; diese wissen ihren fortwährenden Heimvorteil zu genießen. Deshalb müssen sie auch nicht scharf auf den Verbleib in der Union sein, sie regieren sowieso mit. Weil ihnen alle Welt, nicht nur Europa, auf den Leim geht.

Was heißt da auf den Leim gehen? Englisch ist doch die Weltsprache, und nicht mehr wegzudenken! Nun ja, World Standard Spoken English ist so viel oder so wenig Englisch wie Kiezdeutsch mit Deutsch zu verwechseln ist. Im Gegensatz zu diesem muss man es im Repertoire haben, keine Frage, aber als Arbeitssprache sollte für eine Union ohne die Briten doch lieber eine seriöse Sprache verwendet werden.

Wie wäre es mit Italienisch? Eine Sprache mit wundervoller Tiefe und Poesie, mit leicht erlernbarer Rechtschreibung, und sie wird geliebt von Millionen Menschen voller Sehnsucht nach gutem Essen. Nebenbei würde die Wahl ihrer Sprache die Italiener davon ablenken, im europäischen Haus zu zündeln. Aber das hat mit der Sprache wenig zu tun, also streichen wir diese Bemerkung. Malen wir uns aus, in welch sinnlicher Stimmung verhandelt würde – auf Italienisch. Wir würden die Briten umso weniger vermissen.


Dieser Beitrag wurde im Winter 2018 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (4/2018) veröffentlicht, und hier im Blog der baerentatze umständehalber erst heute.

Oliver Baer @ 18:07
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Nicht ganz korrekt, aber ganz schön unwahr

Beitrag vom 1 November 2020

Was wie eine politisch korrekte Formulierung gilt, kann zur falschen Wahrnehmung von Tatsachen verführen. Eine leider notwendige Korrektur anlässlich des Geburtstags eines großen Menschen.

Vorurteile gehören gut gepflegt, sie werden gebraucht (Bild ®Behland)

Afrikaans sei bekanntlich die Sprache der Apartheid, schreibt ILL im SPIEGEL und lobt Nelson Mandela, wie er sich „in seine Unterdrücker hineinversetzte, ihre Mentalität analysierte, ihre Sitten, ihre Geschichte – und ihre Sprache lernte, um ihre Feindschaft zu überwinden.“ An diesem Text stimmt etwas. Nur nicht die Kernaussage. Einem Großen des 20. Jahrhunderts, Nelson Mandela, wird ein derart glatter Textbaustein eben nicht gerecht.

Mandela war noch lange nicht geboren, da war Afrikaans bereits die Sprache nicht nur der Buren. Mit diesem Begriff wird übrigens eine ganze Ethnie – politisch total korrekt – pauschal diffamiert, aber bleiben wir beim Thema. Tatsächlich war und ist Afrikaans die Muttersprache auch der viereinhalb Millionen farbigen Südafrikaner, die Sprache der Töchter und Söhne der ethnischen Vielfalt im Lande. Die Farbigen – so ihre offizielle Bezeichnung – waren zur Zeit der Apartheid Unterdrückte, keine Unterdrücker. Horst Kleinschmidt, einer der führenden Kämpfer im aktiven Widerstand gegen die Apartheid, berichtet von subversiven Treffen, an denen er teilnahm: Es war peinlich, fortwährend missverstanden einander die Teilnehmer – auf Englisch. Voran kamen sie erst, als sie sich auf eine Lingua franca verständigten, und die war nun mal Afrikaans. Die Ironie der Situation war ihnen bewusst: Die Sprache von drei Millionen Unterdrückern war zugleich die Sprache von über vier Millionen Unterdrückten und der kleinste gemeinsame Nenner zur Verständigung im Widerstand gegen die Apartheid.

Viele Farbige sitzen auch im neuen Südafrika zwischen den Stühlen. Weder pfirsich- noch kakaohäutig anzusehen, sind sie der Diskriminierung auch nach der Wende am Kap ausgesetzt: Neue Stellenbesetzungen und Beförderungen, beispielsweise bei der Polizei, gibt es vorzugsweise für Schwarze, insbesondere Xhosa und Zulu. Woran selbstverständlich nur die Buren Schuld tragen, also die Apartheid. Wie auch immer.

Auch wenn es nicht in die ideologisch sandgeblasene Perspektive passt: Diese Menschen sprechen die Sprache ihrer Mütter, die afrikaanse Sprache. Sie ist eine Kusine des Niederländischen. Ihnen die Muttersprache nur als „Sprache der Unterdrücker“ zuzugestehen, damit man als Journalist mit den gewohnten Textbausteinen die gängigen Vorurteile bedienen kann (merkt doch keiner, Südafrika ist weit weg!), das schmeckt, wie es riecht: nach Hartleibigkeit. Damit tut man Nelson Mandela unrecht. Er gab sich mit solchen Plattitüden nicht zufrieden. Er war und ist auch für ungezählte Buren ein Held, für Südafrikaner, die das Ende der Apartheid schon in den Siebzigern für überfällig hielten.

Aber eher passt ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass der zitierte ILL beim Schreiben auf die Manipulation durch Sprache verzichtet. Doch, es gibt Leute, die es merken, und viele die es ahnen: Wer beim Lesen mehr leistet als abzunicken, was er am liebsten wahrnimmt, nämlich seine bereits betonbewehrte Meinung, der liest auch die seriösen Medien mit – leider wachsender – Skepsis. Das muss nun wirklich nicht sein.


Dieser Beitrag wurde im Herbst 2018 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (3/2018) veröffentlicht, und hier im Blog der baerentatze umständehalber erst heute.

Oliver Baer @ 17:59
Rubrik: Gesellschaft